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Das Märchen vom „Terror-Fritz“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Channing   
Dienstag, 25. September 2007

Die angeblichen Bombenbauer von Oberschledorn taten ihr Möglichstes, um verhaftet zu werden

Von Jürgen Elsässer

"Böse, böse, böse Dinge spielen sich ab in Deutschland. Rechtzeitig zum Jahrestag des 11. September wollten islamische Terroristen ein „entsetzliches Attentat“ mit einer „riesigen Zahl von Toten“ (Spiegel-Online) verüben, das „eine bisher nicht gekannte Dimension des Schreckens nach Deutschland gebracht“ hätte (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und das erst „in letzter Minute“ (Lausitzer Rundschau) durch den beherzten Zugriff der Sicherheitskräfte verhindert worden sei.


Ähnliche Kassandrarufe gab es bereits vor einem Jahr, rund um die sogenannten Kofferbomber vom Kölner Hauptbahnhof. Doch seither habe sich die Lage weiter zugespitzt, wie FAZ-Leitartikler Berthold Kohler die Situation zusammenfaßt: „Die Bomben werden größer und ihre Leger offenbar professioneller. Das ist eine Realität, der man sich auch hierzulande stellen muß. Sie ist durch die jüngste Polizeiaktion so augenfällig geworden, daß Schäuble darauf verzichten konnte, sein Ceterum censeo zur Online-Durchsuchung anzufügen.“

Doch zum Pech des Bundesinnenministers und seiner Frankfurter Bauchredner hat der Anschlag das Gegenteil gezeigt: Die vermeintlichen Bombenleger werden immer unprofessioneller und stellen sich immer döfer an. Fritz G., der angebliche Rädelsführer des am vergangenen Dienstag im sauerländischen Oberschledorn gefaßten Trios, erinnert unfreiwillig an Virgil Starkwell, die Hauptfigur in Woody Allens Komödie Woodie, der Unglücksrabe. Im Internet-Lexikon Wikipedia heißt es über den Pechvogel: „Hineingeboren in ein Umfeld der Armut, mußte er sich schon früh mit den Schwierigkeiten des Unterschichtmilieus auseinandersetzen. Ein ums andere Mal wird seine Brille zertreten. später auch das geliebte Cello zerstört. Deshalb beschließt er, sich einfach zu nehmen, was er will. Es wird freilich rasch klar, daß Virgil zwar voll krimineller Energie steckt, die Umsetzung seiner dreisten Pläne aber stets an seiner tolpatschigen Art scheitert. Nach mehreren Gefängnisausbrüchen und Versuchen der Besserung wird Virgil letztlich zu achthundert Jahren Haft verurteilt, wobei er sich erhofft, bei guter Führung davon nur die Hälfte absitzen zu müssen.“

Null Komma Sieben Tonnen auf einen Streich

„Terror-Fritz und seine gefährlichen Freunde“ – so die Schlagzeile in der Welt vom 8. September – stellten sich jedenfalls ähnlich tolpatschig an. Obwohl angeblich in einem Ausbildungslager in Nordpakistan in der Durchführung von Terroranschlägen geschult, wollten sie ihre Bomben ausgerechnet aus einer Chemikalie mixen, die dafür höchst ungeeignet ist: Wasserstoffperoxid, ein bis dato eher als Ausgangsstoff für die Herstellung der berüchtigten Wasserstoffblondinen bekanntes Haarbleichmittel. Die FAZ prägte bereits den Ausdruck Wasserstoffperoxydbomben, was zwar Nonsens ist, aber durch den Anklang an Wasserstoffbomben höchst gefährlich klingt. „Die zwanzigfache Menge des Madrider Sprengstoffes“ habe das Trio bereits vorbereitet, heißt es in Anspielung auf die Anschläge in der spanischen Hauptstadt vom 11. März 2004 mit knapp 200 Toten.

Erwiesen ist offenbar lediglich, daß die Gruppe zwölf Fässer mit insgesamt 730 Kilogramm Wasserstoffperoxid gekauft und in einem Haus bei Freudenstadt im Schwarzwald zwischengelagert hat. Dieser Stoff an sich ist jedoch ungefährlich. Das ändert sich erst, wenn die Chemikalie mit Aceton und weiteren Säuren reagiert; dann entsteht Triaceton-Triperoxyd (TATP) oder Apex. Die Mischung ist jedoch zum Bombenbauen höchst unpraktikabel, da sie zu leicht und zu unkontrolliert explodiert. „Insbesondere gegen Schlag, Reibung und Wärme ist Apex besonders empfindlich. Wird der Sprengstoff in einem Gefäß aufbewahrt, das einen Schraubverschluß hat, kann schon die Reibung beim Öffnen zur Explosion führen. Wichtig ist, daß das Gemisch schon bei der Produktion ausreichend gekühlt wird, weil es sonst explodiert“, muß selbst die FAZ einräumen. Wie hätten die Täter die Apex-Bomben aus ihrer Ferienhaus-Garage herausbringen, geschweige denn zu ihrem angeblichen Bestimmungsort in irgendeiner US-Einrichtung transportieren wollen, ohne daß sie ihnen um die Ohren fliegt?

Mit dem Bombenanschlag in Madrid hat Apex übrigens nichts zu tun – dort wurde bekanntlich Dynamit aus asturischen Bergwerken verwendet. Auch für die Attacken auf das Londoner Nahverkehrsnetz am 7. Juli 2005 wird TATP immer wieder als Sprengstoff in den Medien genannt – aber die offiziellen Untersuchungsberichte des britischen Unterhauses bzw. der britischen Geheimdienste schweigen sich darüber aus. Obwohl bis dato keiner der Anschläge in den westlichen Metropolen mit Wasserstoffperoxyd-Bomben begangen wurde, taucht dieser eigenartige Sprengstoff immer wieder in den Geschichten der Terrorjäger auf: Weil er zu den handelsüblichen Chemikalien gehört, läßt sich damit leicht die Furcht vor dem „Terroristen von Nebenan“ schüren, der sich alles zum Massenmord Notwendige angeblich im Drogeriemarkt besorgen kann.

Trotz der bestenfalls harmlosen, bei chemischer Umsetzung sogar kontraproduktiven Wirkung von Wasserstoffperoxid besorgten sich „Terror-Fritz“ und seine Kumpane sukzessive mehr als 0,7 Tonnen dieer Chemikalie bei einem Hannoveraner Großhändler und karrten sie in mehreren Transporten quer durch die Republik zu ihrem Unterschlupf im Schwarzwald. Gerade so, als wollten sie für die Ermittler eine Fährte legen.

Fritz macht, was er will

Auch ansonsten unterließ insbesondere Fritz G., der mutmaßliche Anführer des Trios, nichts, um die Aufmerksamkeit auf sich und sein Vorhaben zu lenken. Obwohl gegen ihn bereits im Jahre 2005 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Volksverhetzung ermittelt und er kurzfristig festgenommen worden war, tauchte er nicht etwa in den Untergrund ab, er änderte auch nicht sein Erscheinungsbild oder besorgte sich gar eine neue Identität. Spätestens im April 2007 hätte er merken müssen, daß der Staatsschutz es wieder auf ihn abgesehen hat: Seine Ulmer Wohnung wurde durchsucht. „Daß Fritz G. und seine mutmaßlichen Komplizen sich von der Hausdurchsuchung nicht abschrecken ließen, daß sie im Gegenteil erst danach begannen, kanisterweise Explosivstoffe zu beschaffen, Häuser und Garagen zu mieten, militärische Zünder zu besorgen und in ihren (abgefangenen) E-Mails angeblich sogar die Fahnder zu verhöhnen, wirft ernste Fragen auf“, wundert sich die FAZ.

Anfang Mai erschien bereits ein alarmierender Bericht in der Zeitschrift Focus. „Darin wurde die Gruppe ziemlich detailliert beschrieben, von den Beziehungen nach Pakistan und Usbekistan berichtet und davon, daß die Männer schon Abschiedsvideos nach Art der Selbstmordattentäter gedreht hätten. Für die Sicherheitsbehörden war dieser Focus-Bericht eine kleine Katastrophe. Sie erwarteten das unmittelbare Abtauchen der Gruppe ...“. Doch wieder geschah das Gegenteil: Fritz und Co. konnten seelenruhig mit ihren „Anschlagsvorbereitungen“ weitermachen.

Schließlich hat das Trio zum Bombenbauen ausgerechnet das idyllische Sauerland-Dörfchen Oberschledorn ausgewählt. „Man kennt sich und die Feriengäste in dem Dorf, in dem rund 900 Menschen leben“, schreibt die FAZ über das sauerländische Dorf. In dieser Umgebung, inmitten der Sommerfrischler und Wanderfreunde, mußten die langhaarigen, bärtigen bzw. glatzköpfigen Finsterlinge auffallen wie die Panzerknacker bei einem Donald Duck-Kindergeburtstag. Warum mieteten sie sich nicht, wie weiland die RAF-Leute, in einem anonymen Hochhaus mit Tiefgarage und Autobahnanschluß ein?

Aufschlußreich ist auch die unmittelbare Vorgeschichte des polizeilichen Zugriffs am 4. September: Am 3. September fuhren die drei tagsüber mit aufgeblendetem Licht und wurden deshalb von einer Verkehrskontrolle angehalten. Obwohl einer der Streifenpolizisten bei der Kontrolle unvorsichtig laut zu einem Kollegen sagte, daß die PKW-Insassen „auf einer BKA-Liste“ stünden, konnten sie weiterfahren.

Das deutlichste Beispiel für das Verhältnis von vermeintlichen Jägern und vermeintlichen Gejagten gab schließlich Spiegel-Online zum besten, leider ohne Hinweis auf den genauen Zeitpunkt des Geschehens. Eines Tages jedenfalls hätten sich die drei über ihre Observanten geärgert. Daraufhin „stieg einer der Islamisten ... an einer roten Ampel aus und schlitzte die Reifen eines Verfolger-Wagens des Verfassungsschutzes auf“.

Vieles ist noch aufzuklären an der Geschichte vom „Terror-Fritz“ und seinen zwei Komplizen. Aber eines ist klar: So, wie sie vorgegangen sind, hätten sie niemals einen professionellen Anschlag durchführen können.

Zur Auflösung des Rätsels gibt es drei Theorien. Entweder die Truppe war zu blöd, ihre kriminelle Energie zielführend einzusetzen – so wie es im erwähnten Film von Woody Allen gezeigt wird. Oder – das vermutet FAZ-Autor Peter Carstens – sie wollte durch ihr auffälliges Agieren die Sicherheitsbehörden von anderen Terrorzellen ablenken, die in der Zwischenzeit unbehelligt ihre eigenen Planungen weitertreiben konnten. Oder die drei fühlten sich vor Verhaftung geschützt, weil sie einen Inside-Job ausführten und glaubten, Protektion von höherer Stelle zu genießen.

Beim gegenwärtigen Erkenntnisstand sollte man keine dieser Möglichkeiten ausschließen. Vielleicht sind auch alle drei wahr: Drei besonders irre Typen wurden von einer Geheimdiensttruppe angefixt, um den Rest des Sicherheitsapparates auf Trab zu halten und von den wirklich gefährlichen Terroristen abzuziehen. Schäubles Aussage, von Entwarnung könne keine Rede sein, wäre dann auf perverse Weise richtig."

Zuerst veröffentlicht: hintergrund.de

Veröffentlicht: 13. September 2007

Quelle:
http://www.berlinerumschau.com/index.php?set_language=de&cccpage=13092007ArtikelElsaesser1

 



"Dass der Rädelsführer Fritz G. zufällig von Dr. Yussuf, einem ausgerechnet in Ägypten untergetauchten Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz in die Geheimnisse des Koran eingeweiht wurde, muss doch stark zu denken geben. Wie auch Fritz G`s interessante STERN-Interviews, sowie die bei dem Rädelsführer demonstrativ durchgeführte Wohnungsdurchsuchung zwei Wochen vor dessen Hochzeit und der Zwischenfall mit dem Durchstechen der Reifen am verfolgenden VS-Beobachterfahrzeug an der roten Ampel. Es bleibt der Eindruck, dass es in der neunmonatigen Observationsphase ziemlich familiär zuging. Da stellen sich Fragen über Fragen und keine wird beantwortet."

Quelle:
http://alexdailynotes.blogspot.com/2007/09/terrro.html

 
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